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Der Fall Frank R.

Ein ganz persönliches Drama

Es war 11:00 Uhr morgens. Frank R. schaute sich verwundert um: Was machte er eigentlich zu nachtschlafender Zeit im Badezimmer ? Er mußte doch nicht auf die Toilette! Rätselhaft... Da setzte mit einem Schlag sein Gedächtnis, das um diese Zeit noch auf `Schlafend` geschaltet war, wieder ein. Richtig! Er war ja mit Vera verabredet! Prüfend blickte er in den Spiegel. Ein unrasiertes, verschlafenes Gesicht blickte ihm entgegen. Aufseufzend machte er sich mit Seife, Shampoo und Schere ans Werk. Seine letzten sinnvollen Gedanken waren, "Ach.. wenn man dafür doch nur eine Batchdatei schreiben könnte..."

Zwei Stunden später warf er einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel: Er war praktisch ein neuer Mensch; bis auf seine Brille, aber da war mit Wasser und Seife nichts mehr zu machen gewesen, also hatte er die Bügel notdürftig mit Tesafilm befestigt.

Also ging er zurück in sein Zimmer, das ihm mit einem Mal so kalt und fremd vorkam. Keine Sourcecodes mehr auf dem Boden, keine Disketten auf dem Tisch und auch seine Bücher standen zur Abwechslung mal im Regal. Prüfend blickte er auf seinen Amiga, der dank einer Radikalkur mit Fensterputzmittel wieder wie neu aussah. Alles war bereit; alles wartete nur noch auf Vera. Um 19:00 Uhr wollte sie kommen, er hatte also noch etwas Zeit. Rein aus Prinzip schaltete er seinen Computer nicht an, sie sollte ruhig sehen, daß er nicht abhängig war, wie sie das immer hinstellte.

Nachdem er über eine Stunde auf dem Bett gesessen war, konnte Frank sich nicht länger beherrschen: Ein Tritt auf den im Boden eingelassenen Hautschalter lies mit einem Schlag alle Kontrollampen aufleuchten; ein beruhigendes Brummen der Harddisk schien "Alles in Ordnung!" zu verkünden. Mit Elan machte er sich über den Sourcecode eines neuen Programmierprojekts her und ging völlig in seiner Arbeit auf.

Ettliche Stunden später, nachdem er ungefähr 20 kByte Unterprogramme eingefügt und debugged hatte, fiel ihm Vera wieder ein: Ein Blick auf die interne Uhr verriet ihm, daß sie eigentlich schon vor zwei Stunden kommen wollte. "Na sowas", dachte Frank bei sich, "hat sie mich doch glatt vergessen...".

Also rief er bei ihr zu Hause an: Ihre Mutter versicherte ihm, daß Vera schon vor drei Stunden aus dem Haus gegangen sei, um sich mit Vilona Hans im "Veneziano" zu treffen.

Zum Glück hatte er schon von dieser Kneipe gehört, sie war nur eine halbe Stunde zu Fuß entfernt. Aufseufzend machte er sich auf den Weg, der ihm durch die Vorfreude auf das Treffen versüßt wurde.

Auf der Türschwelle des "Veneziano" zögerte er noch einen Moment, doch dann faßte er sich ein Herz und trat ein. Sofort umfingen ihn Rauchschwaden und Bierdunst. Es dauerte einen Augenblick, bis er in dem schummrigen Halbdunkel des Schankraumes Umrisse ausmachen konnte, doch dann sah er sie an einem der schmutzigen und wackligen Tische sitzen. Provokativ baute er sich vor dem Tisch auf, doch niemand nahm Notiz von ihm, also räusperte er sich und sagte:"Äh... Hallo!".

Gelangweilt musterte Vera ihn von unten bis oben; sagte "Ach... Hallo..."; nur um sich wieder dem Gespräch mit ihrem Tischnachbarn, einem Südlander in Motorradkluft, zu widmen. Mit einer derart herzlichen Begrüßung hatte er nicht gerechnet, also setzte er sich erst einmal zu ihnen an den Tisch. Da er aus der offensichtlich in Französisch geführten Konversation nicht teilhaben konnte, bestellte sich Frank aus reiner Langeweile einen Kaffee. Er verstand das einfach nicht. Warum diese Ablehnung ?. Noch während er damit beschäftigt war, seine wiedersprüchlichen Gefühle zu sortieren, zückten die Anwesenden ihre Geldbeutel und machten Anstalten zu zahlen.

"Äh,... aber wir waren doch verabredet...", war sein einziger Einwand an Veras Adresse, doch die würgte ihn mit einem sehr scharfen "Tut mir SEHR leid, aber ich muß noch viel für meine Prüfung nächste Woche lernen.", ab. Gegen dieses Argument war er natürlich machtlos, und so kam es, daß Frank wenig später alleine mit seinem Kaffee am Tisch saß.

Diese Nacht schlief er sehr schlecht, doch das konnte auch an dem bitteren Kaffee gelegen haben. Trotzdem ging ihm Vera nicht aus dem Kopf. Er mußte einfach mit ihr reden, ihr klarmachen, daß er sie liebte. So beschloß er, sich mit ihr auszusprechen.

Am nächsten Abend rief er sie dann an: "Hast du heute Abend Zeit für mich?"

"Nee. Meine Mutter hat Geburtstag. Morgen hab' ich dann wieder Schule, da geht sowieso nichts, und nächstes Wochenende bin ich schon mit Vilona und Bärbel im Veneziano verabredet...", war die prompte Antwort.

"Ja... hast due nicht 'mal 'ne Stunde oder so Zeit?"

"Also bidde, wenn ich's dir doch sage... Außerdem hast du ja noch deinen Computer, da wird's dir schon nicht langweilig. Tschüß!"

Mit einem dezenten Klick war der Hörer auf der Gabel gelandet und das Gespräch somit beendet. Frank stand verdutzt da, den Hörer fest in der Hand. Was sollte er nur tun? Verzweifelt warf er sich aufs Bett. Eine grenzenlose Leere machte sich in ihm breit. Er war zu keinem sinnvollen Gedanken mehr fähig. Mehr aus Gewohnheit denn Interesse schaltete er schließlich den Computer an und startete den Editor, um an seinem neuen Programm weiterzuschreiben. Doch was vorgestern noch sinnvoller Sourcecode gewesen war,zerfloß vor seinem geistigen Auge zu sinnlosen Buchstabenfolgen, die sich immer und immer wieder zu Veras Gesicht formten. Nachdem er rund eine Viertelstunde auf den Monitor gestarrt hatte, ohne auch nur eine neue Zeile zu schreiben, gab er entnervt auf: Er konnte sich nicht richtig konzentrieren. "Was kann ich nur tun", sinnierte er: "Vielleicht sollte ich meinen Computer verkaufen, um ihr zu zeigen, daß ich sehr wohl ohne ihn leben kann. Vielleicht könnte ich sie so überzeugen...".

Also ging Frank auf den Speicher, um die Orginal-Kartons zu holen. Schweren Herzens machte er sich ans Einpacken: Sein Amiga schien ihn noch einmal vorwurfsvoll anzuschauen, bevor sich der Deckel über ihm schloß. Dann legte er sich aufs Bett, doch die Erlösung des Schlafs wollte und wollte sich nicht einstellen. Erst gegen Morgen fielen ihm dann vor lauter Müdigkeit die Augen zu.

Er machte es sich zur Gewohnheit, seine Abende im Veneziano zu verbringen, um dort auf Vera zu warten. Sie kam selten genug, und nie alleine, sondern immer nur in Begleitung von Vilona oder Bärbel. Dann saßen sie mit ihm an einem Tisch, und Frak litt schweigend, wenn sie sich über einen ihrer vielen Verehrer lustig machten.

Sein unsteter Lebenswandel zehrte an ihm; Ringe unter den Augen und die verkniffenen Züge seines Mundes sprachen für sich selbst. Darüber hinaus hatte er in letzter Zeit auch noch das Rauchen und Trinken angefangen. so konnte man ihn oft alleine an einem der schmierigen Tische sitzen sehen, wie er mit zitternden Händen eine Zigarette auf einer zerknautschten Schachtel zog und seinen Kummer mit einem Glas Rotwein hinunterzuspülen versuchte.

Doch eines Abends hatte er endlich Glück: Vera war auf der Suche nach ihren Freundinen ins Veneziano gekommen, und ehe sie sich umdrehen konnte, war er aufgesprungrn und hatte sie am Handgelenk gepackt. "Aua! Sag' mal, spinnst du?", fauchte sie ihn an. Leidend blickte er sie an.

"Äh... Ich äh... Ich muß unbedingt mit dir reden. Bitte!"

"Na, also gut. Aber nur kurz - Ich muß noch Englisch-Vokabeln lernen...".

Sie setzten sich an einen der wackligen Tische. Prüfend schaute sie ihm ins Gesicht. "Also, was gibt's ?".

Frank stotterte, "Ich wollte dich fragen... äh... Warum hast du nie Zeit für mich ? Ich meine, hast du keine Zeit, oder hast du für mich keine Zeit?"

"Also hör' mal, wie kommst denn du dazu..."

"Ich äh... Ich meine, ich liebe dich..."

"Was? Du? Mich? Also bidde! Wie kommst du denn da 'rauf? Du bist doch 'eh mit dem Computer verheiratet... Du hast ja nich einmal ein Motorrad, wie Jean-Pierre! Ich glaub', ich kotz! Du hast mir den Abend ja gründlich versaut!". Wütend sprang sie auf und ließ einen gebrochenen Frank zurück, ein Schatten seiner Selbst.

Als er das Lokal schließlich verließ, war es schon fast Morgen. Unzählige Gläser Wein hatten seinen Schmerz erträglich, seinen Gang unsicher und den Geldbeutel leer werden lassen. Trotzdem kam er unbeschadet nach Hause: In seinem Zimmer herrschte noch immer die gleiche aufgeräumte, sterile Atmosphäre wie vor Wochen, doch das lag wohl daran, daß er seit langem nur noch zum Schlafen sein Zimmer betrat. In einer Ecke waren säuberlich die Kartons der Computeranlage übereinander gestapelt. "Warum nicht ?", dachte Frank, und machte sich vorsichtig wieder ans Auspacken.

Endlich stand sein Amiga wieder an seinem gewohnten Platz; alles war wieder beim alten. Mit einem gezielten Tritt brachte Frank Leben in den technischen Golem, und schon kurz darauf begann die Harddisk, Kickstart und Workbench zu laden. Vor ihm öffnete sich die wunderbare Welt des Multitaskings, schon war das CLI-Window offen. Mit tauben Fingern tippte Frank: "Vera". Ein kurzes Sägen der Harddisk, dann die Meldung: "Error Code 209: Volume Vera not available!". "Wie wahr!", murmelte er leise, "Du hast es ja von Anfang an gewußt!". Mit neuem Stolz musterte er seinen Amiga - "Ich hätte dich nie verlassen sollen..."

ählichkeiten mit lebenden Personen sind durchaus denkbar und keinesfalls unbeabsichtigt. Gewidmet dem gnadenlosen Trio, Frank R. und allen, die sich wiedererkennen.

-thb'87

Auswege: Impressum, Haftungsausschluß, Datenschutz, Thomas Bätzler privat, meine Homepage.

Thomas Bätzler, Thomas@Baetzler.de
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