HTML 3.0 (Beta) Checked!

Mit der "Freundin" in den Urlaub

Wer kennt nicht das Infocom-Adventure "Bureaucracy", in dem man sich mit zahllosen Behörden herumschlagen muß? Wer soetwas bislang als Fabel abgetan hat, der hat noch nie versucht, seinen Computer mit in den Urlaub zu nehmen...

Eigentlich begann alles ganz harmlos: Drei Tage, bevor ich in den Urlaub fahren wollte, rief mein Chef bei mir an und ließ mich wissen, daß er kurzfristig einen Auftrag für ein Programm erhalten habe, und daß ich genau der Mann für dieses Projekt sei. Da man einem guten Freund (und nebenbei auch Geldgeber ...) nicht gerne einen Wunsch abschlägt, durfte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, meinen Urlaub nicht am Mittelmeer, sondern am Computer zu verbringen. Ein Wutschrei meiner Freundin brachte mich dann wieder auf den Boden der Realität zurück. Sie wollte sich nicht damit abfinden, ihren Urlaub statt in Sotto Marina am Starnberger See zu verbringen. Nun blieb mir keine andere Wahl: Der Computer mußte mit nach Italien. Ein schneller Blick auf die Uhr zeigte mir, daß mir nur noch 20 Amtsstunden bis zur geplanten Abfahrt blieben. Freundin oder Vertrag: Wenn ich es in dieser Zeitspanne nicht schaffte, würde ich eins von beiden verlieren...

Nun war guter Rat teuer: Also rief ich zuerest mal beim Zollamt an.

"Äh.. Ja.. Also was wollen sie mitnehmen? Einen Combjuder?"

Angestrengtes Blättern am anderen Ende der Leitung.

"Äh... Also da brauchen sie natürlich eine Ausfuhrgenehmigung!"

"Wieso, ich will ihn doch wieder mit nach Hause nehmen!"

"Ah! Der soll also wieder reimportiert werden! Da brauchen sie natürlich auch wieder eine Einfuhrgenehmigung..."

"Wo kann ich die denn bekommen ?"

"Ja, da müßen sie ein Formular beantragen, und ans Bundesamt schicken, und die senden ihnen dann ein Antragsformular zu. So schnell wie sie das wollen, geht das aber nicht. Das hätten sie sich früher überlegen müßen...".

Nachdem ich eine Weile über diese Antwort meditiert hatte, versuchte ich es ein zweites Mal, diesmal bei einer anderen Dienststelle. Zu meinem Glück hatte ich keinen typischen Beamten am Telefon, und er konnte mir sogar einen guten Tip geben:

"Tja, da müßen Sie bei ihrer zuständigen Industrie- und Handelskam- mer ein sogenanntes Carnet ATA beantragen, und dann dürften sie eigentlich keine Probleme haben."

Nun schon um einiges schlauer machte ich mich auf den Weg zur Industrie- und Handelskammer (IHK). Nachdem ich mich durch mehrere Amtsstuben gekämpft hatte, konnte ich mein Anliegen endlich vorbringen. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen wurden mir gleich ein halbes dutzend Vordrucke in die Hand gedrückt, mit der freundlichen Bitte, sie ausgefüllt zurückzubringen.

Wieder zu Hause angekommen, machte ich mich an die Arbeit. Sechs Stunden später war ich dann mit den Nerven am Ende. Ich hatte alle Zettel ausgefüllt, bis auf den letzten: Die Bürgschaftserklärung meiner Bank. Ich verbrachte eine unruhige Nacht mit Alpträumen, die von "Heute geschloßen"-Schildern handelten.

Frischen Mutes machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg zur Bank. Noch gutgelaunt füllte ich ein unscheinbares Formular aus. Meine Laune verschlechterte sich jedoch rapide, als ein unschuldig grinsender Bankangestellter meinen Antrag einstecken wollte: "Ja, dann kommen Sie doch bitte übernächste Woche wieder...".

Völlig undenkbar! Also machte ich ihm mit einem Maximum an Höflichkeit klar, daß ich nicht bis dahin warten wollte. Die etwas konsternierte Antwort auf mein Ansinnen war, daß ich dann eben selber zur Hauptgeschäftsstelle gehen müße, um zu sehen ob, da etwas zu machen sei. Als begab ich mich zur Hauptniederlassung. Eine blonde Vorzimmerdame, die ich nach dem zuständigen Abteilungsleiter fragte, riet mir, doch morgen wiederzukommen da Herr Soundso gerade in einer Besprechung sei und er hätte sowieso keine Zeit, wenigstens nicht für mich...

Geduldig setzte ich mich auf einen der bereitstehenden Sessel und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Zwei Zigarettenschachteln später, nachdem ich all die alten ausliegenden Börsenberichte zweimal gelesen, und keinen Kaffe getrunken hatte, da die Sekretärin mir keinen angeboten hatte, erschien dann endlich der vielgerühmte Herr Meier von der Kreditabteilung. Seine ersten Worte waren: "Also wissen Sie - SO geht das nun mal nicht! Sie können uns doch nicht einfach unseren Zeitplan durcheinanderbringen!"

Aufseufzend erklärte ich auch ihm mein Dilemma, worauf er meinte: "Ja wenn da SO ist ...", und sich an die Arbeit machte.

Eine halbe Stunde später war ich im Besitz des wertvollen Dokumentes. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, daß die IHK in einer knappen Viertelstunde ihre Pforten schließen würde. Unter Mißachtung aller Verkehrsregeln schaffte ich es dann doch noch in der Zeit. Und wieder Erwarten ging es auf einmal sehr schnell:

"Bitte! Danke! Unterschreiben Sie hier! Und da! Und auf der Rückseite auch noch! Bezahlen könen Sie vorne an der Kasse!"

Um 44.- DM ärmer, aber um ein unschätzbares Dokument reicher, machte ich mich auf den Heimweg. Ein unscheinbarer, rosaroter Zettel machte mich darauf aufmerksam, daß ich noch beim Zoll zur Nämlichkeitssicherung vorfahren müße. "Naja," dachte ich mir, "daß kannst du ja morgen früh erledigen..."

Gegen 12:00 Uhr, nachdem ich mich schon durch verschiedene Staus und Baustellen gekämpft hatte, fiel es mir dann wieder ein. Also verließ ich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit die Autobahn und machte mich auf die Suche nach einem Zollamt. Gesagt, gefunden! Ein mürrischer, schnauzertragender Zollbeamter teilte mir mit, daß ich mit meinem Schmarrn (bayrisch für Computer) gefälligst zu meinem zuständigen Zollamt gehen sollte. Wo das sei, wisse er nicht, aber hier sei es ganz bestimmt nicht. Mit einem freundlichen "Auf Nimmerwiedersehen !" ließ ich seine Zimmertür hinter mir ins Schloß fallen und stapfte zurück zu meinem Auto, wo mich eine inzwischen auch schon übelgelaunte Freundin erwartete.

Entschlossen, der Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen, fuhr ich weiter in die nächste Stadt, wo man mir, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte, ohne besondere Umstände zu machen, einen Stempel in mein Carnet drückte. Also machte ich mich wieder auf den Weg, der Sonne entgegen. An den Grenzen hatte ich seltsamerweise keinerlei Probleme. Deswegen machte es, mir auch gar nichts aus, als ich ein Telegramm von meinem Chef erhielt, indem er mir mitteilte, daß er den Gag, den ich in das FiBu-Programm seines besten Kunden eingebaut hatte gar nicht lustig fand, und daß ich gekündigt sei; vielleicht auch, weil meine Freundin schon zwei Tage vorher mit einen Italiener durchgebrannt war. Ich jedenfalls lag gemütlich in meinem Sessel in der Sonne, vor mir einen Amiga und einen Campari Orange.

Ort, Zeit, Handlung, Personen und Campari Orange sind je nach Bedarf frei erfunden. Das Carnet ATA gibt es wirklich; man bekommt es bei Dienststellen der IHK gegen ein "geringes Entgeld", dafür kommt man damit an der Grenze sehr weit.

Gewidmet Frau Braune von der IHK, Herrn Werner vom Zoll und natürlich besonders dem "netten" Beamten aus Berchtesgaden.

-thb'87

Auswege: Impressum, Haftungsausschluß, Datenschutz, Thomas Bätzler privat, meine Homepage.

Thomas Bätzler, Thomas@Baetzler.de
$Id: freundin.html 1.4 1996/01/23 02:47:20 thb Exp thb $